Stellungnahme der AG Klettern & Naturschutz im Odenwald e.V. (AGKNO) zur aktuellen Situation im Schriesheimer Steinbruch.

 

Ilvesheim, 23.11.02

Die Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege (BNL) des Regierungspräsidiums Karlsruhe hat Mitte November im Schriesheimer Steinbruch eine "Pflegemaßnahme" durchgeführt. Ziel dieser Maßnahme ist es eine Beschattung der Blockhalden und offener Felsflächen zu vermeiden.

Gemäß einer bestehenden Vereinbarung ist die AGKNO über jegliche Aktivitäten der Behörden im Schriesheimer Bruch im Voraus zu informieren und mit einzubeziehen um an deren Umsetzung mitzuwirken.

Im vorliegenden Fall wurde die AGKNO von den Behörden nicht informiert.

Die Geschehnisse im Einzelnen:

Am Sonntag, dem 17.11., trafen der Einzelmitgliedersprecher und der 1. Vorsitzende der AGKNO im Schriesheimer Steinbruch ein (eigentlich zum Klettern). Ihnen stellte sich zu diesem Zeitpunkt die Situation wie folgt dar:

Sämtliche Bäume auf der vierten Berme waren gefällt und liegen kreuz und quer auf dem Boden. Die Wege sind nicht mehr begehbar. Einige Bäume bzw. Baumstämme und Äste sind über die Wandstufe in die Sektoren "Choucou", "Offhand", "Mannheimer" und "Cassin" gestürzt, weitere hängen sehr labil (absturzgefährdet) in der Wand oder liegen auf der Felskante. Eine Sicherung der gefährdeten Bereiche ist nicht vorhanden!

Die sich unterhalb aufhaltenden Kletterer wurden von der AGKNO aufgefordert den jeweiligen Sektor sofort zu verlassen. Mit Hilfe weiterer Kletterer wurden die gefährdeten Bereiche gesperrt und das versturtzgefährdete Material sofort entfernt.

(Hierbei sei bemerkt, dass manche Baumstämme, die teilweise einen Durchmesser von bis zu 20cm aufwiesen, nur durch einen kleinen "Schups" mit der Hand zu Fall gebracht werden konnten.)

Nachdem die Gefahr des "Holzschlages" von oben abgewendet war, wurden die Routen wieder zum Klettern freigegeben.

Ob Umlenkhaken und Zwischensicherungen durch herabstürzende Stämme beschädigt wurden, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar.

Noch am selben Tag wurde mit der Recherche nach den Verantwortlichen begonnen.

Bereits einen Tag später, am 18.11., hat die AGKNO im Internet und per E-Mail die Kletterer über die Situation informiert. Auch an der Informationstafel im Steinbruch wurde eine entsprechende Meldung platziert.

Nachfragen beim Landratsamt in Heidelberg, beim Staatlichen Forstamt in Weinheim und beim Regierungspräsidium in Karlsruhe kamen zu dem Ergebnis, dass die Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege (BNL) für die Maßnahme verantwortlich ist. Dort konnte man an diesem Tag keine Auskunft zu den Geschehnissen geben.

Am 19.11. erfolgte ein weiterer Anruf bei der BNL, bei dem sich die AGKNO über die Vorgehensweise beschwerte. Die BNL bedauerte dieses und entschuldigte sich. Auf die Anfrage, ob von der "Pflegemaßnahme" nur die vierte Berme betroffen sei, wurde der AGKNO versichert, dass lediglich im südlichen Bereich der dritten Berme, im Feuchtgebiet, welches sich außerhalb des Kletterkorridors befindet, noch Bäume gefällt werden sollen. Weitere Abholzungen seien nicht geplant, so die BNL.

Am 22.11 wurde die AGKNO vom DAV-Heidelberg darüber informiert, dass alle(!) Bäume auf der dritten Berme des Schriesheimer Steinbruches gefällt wurden. Der 1.Vorsitzende der AGKNO begab sich darauf hin sofort an den Ort des Geschehens, wo sich die Aussage des DAV-Heidelberg bestätigte: Entgegen ihrer Aussage vom 19.11. hat die BNL auch die Bäume der dritten Berme gefällt.

Des weiteren wurden die bereits in der Vorwoche gefällten Bäume auf der vierten Berme mit schwerem Gerät (Traktor oder Bagger) entfernt.

Auf den besonders geschützten Abbruchkanten der vierten Berme haben sich seltene, teilweise gefährdete Moose und Flechten zu sog. Kryptogamenrasen vergesellschaftet. Diese sind teilweise von klar erkennbaren Reifenspuren und Furchen durchzogen.

Die Wege zwischen den Blockhalden, auf denen die Kletterer zum Wandfuß gelangen, sind durch angehäufte Äste und Zweige versperrt.

Die mit speziellen (verstärkten) Piktogrammen versehenen Stahlseile, die die AGKNO zur Sperrung des Weges unterhalb des Brutkastens angebracht hat, sind verschwunden.

Am 26.11. hat die AGKNO die Umlenker und Zwischensicherungen in den betroffenen Sektoren überprüft und einen Tag darauf Entwarnung gegeben. In Schriesheim kann wieder "normal" geklettert werden.

Soweit der Stand der Dinge.

Über das Fällen von Bäumen als Naturschutzmaßnahme...

Das stellenweise Zurückschneiden oder Entfernen von Bäumen dient der Erhaltung und Schaffung verschiedener Entwicklungsstadien, die im Steinbruch dauerhaft existieren sollen. Aufgrund der unterschiedlich weit vorangeschrittenen Verwitterung und Bodenbildung entstanden in enger räumlicher Beziehung vielfältige Lebensräume, die einem dynamischen Entwicklungsprozess unterliegen. Die zum Teil extremen Lebensbedingungen im Steinbruch (z.B. Trockenheit und Wärme) lassen das Aufkommen von Arten zu, die in der Kulturlandschaft weitgehend verdrängt wurden.

Um auf Dauer den Erhalt solcher Arten zu sichern müssen die Vorwaldstadien räumlich und zeitlich differenziert verjüngt werden.

Von einer räumlichen und zeitlichen Differenzierung kann bei dem Kahlschlag im Schriesheimer Steinbruch nicht die Rede sein.

Wie soll der Naturschutz die Akzeptanz der Kletterer erlangen, wenn sie besonders geschützte Vegetationsflächen, die sie nicht betreten dürfen und daher ein Ausstiegsverbot akzeptieren, plötzlich von einem Traktor platt gemacht vorfinden?

Der Schriesheimer Steinbruch gilt bundesweit als mustergültiges Beispiel für ein Miteinander von Naturschutz und Naturnutz. Erreicht wurde dies nicht zuletzt durch Kommunikation und einem fairen Umgang miteinander.

Weitblick und gegenseitige Akzeptanz haben in Schriesheim ein Kleinod entstehen lassen, welches nicht nur in der Region seinesgleichen sucht. Oder suchte.

Es wird nicht nur Jahre dauern, bis dieses ehemalige Kleinod nicht mehr einer Mondlandschaft gleicht, es wird auch lange dauern, bis das Vertrauen der Menschen in den Naturschutz wieder hergestellt ist. Meldungen der Tagespresse zufolge findet man auch in der breiten Öffentlichkeit kein Verständnis für diese Art von Naturschutzmaßnahmen.

Wie geht es nun weiter?

Um zukünftig eine Wiederholung dieses Falles zu vermeiden, wird die AGKNO verstärkt in Gespräche mit den Behörden eintreten und dabei weiterhin auf "Kommunikation statt Konfrontation" setzen.

Dementsprechend hat die AGKNO einen runden Tisch im Schriesheimer Rathaus einberufen. An dieser Gesprächsplattform werden unter anderem das staatliche Forstamt, die Stadtverwaltung Schriesheim, als obere Naturschutzbehörde das Regierungspräsidium Karlsruhe mit der Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege und als untere Naturschutzbehörde das Landratsamt Rhein-Neckar teilnehmen.

Die AGKNO wird hierbei ein Konzept mit Vorschlägen zur Verfahrensweise bei Pflegemaßnahmen auf den Tisch bringen, das folgende Eckpunkte umfaßt:

  • Information der AGKNO über sämtliche Pflegemaßnahmen in den Klettergebieten in einem angemessenen Zeitrahmen vor der Maßnahme, um der AGKNO die Möglichkeit zu geben, sich vorzubereiten und entsprechend ihres Vereinszweckes an der Maßnahme mitzuwirken.
  • Räumliche und zeitliche Differenzierung bei der Verjüngung von Sukzessionsstadien.
  • Keine Befahrung der Bermen mit schwerem Gerät.
  • Bei der Durchführung von Pflegemaßnahmen sind entsprechende Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, so dass eine Gefährdung der Kletterer ausgeschlossen ist. Des weiteren ist dafür Sorge zu tragen, dass Klettereinrichtungen wie z.B. Zwischensicherungen, Umlenkhaken oder Klettersteige nicht beschädigt werden.
  • Erstellung eines Pflegeplanes für das NSG – Ölberg.

 

Möglichkeit der Beschwerde:

Wer sich über die Vorkommnisse im Schriesheimer Steinbruch beschweren möchte, ganz gleich ob als Einzelperson oder Verein, kann dies direkt bei der Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege (BNL) im Regierungspräsidium Karlsruhe tun oder der AGKNO eine an die BNL gerichtete, schriftlich verfasste Beschwerde zukommen lassen. Die Beschwerdebriefe werden dann am runden Tisch von der AGKNO den Behörden übergeben.

Reaktionen der Behörden:

Die BNL hat in verschiedenen Punkten bereits Fehler eingestanden, sich entschuldigt und versprochen, in Zukunft umsichtiger zu handeln.

Auch das Landratsamt, das über die Presse von den Geschehnissen erfahren musste, hat reagiert und das Verhalten der BNL kritisiert.

Schlusswort:

Der Schock sitzt tief. Die Enttäuschung ist groß.

Wir haben mit vielen Menschen über den Kahlschlag geredet. Durch die Emotionen, die wir dabei erfahren haben, wurde einmal mehr deutlich, wie intensiv die Menschen und insbesondere die Kletterer mit der Natur verbunden sind.

Die Ereignisse haben gezeigt, dass es nicht möglich ist, den Naturschutz alleine den Behörden zu überlassen und wie wichtig es ist zum Erhalt einer intakten und vielfältigen Naturlandschaft, die Arbeit von Vereinen, wie z.B. der AGKNO, der IG-Klettern oder des DAV, zu unterstützen.

 

Christian Kohl

(1.Vorsitzender)

4. Etage 4. Etage Abseilstelle
4. Etage Richtung Süden 4. Etage Richtung Süden
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